Bis dem Müll die Puste
fehlt
Viele Plastiktüten liegen fein säuberlich gestapelt im
Atelier von Tamara Lorenz. Die Fotokünstlerin, der das Chargesheimer-Stipendium
2006 zugesprochen wurde, hat eine Vorliebe für banale Materialien,
die sie in ihren Installationen mit neuer Bedeutung auflädt.
„Hinstellen, machen, ausprobieren“ lautet das Prinzip,
das den temporären Konstruktionen zugrunde liegt, die die Vierunddreißigjährige
dann im Bild festhält. Der spielerische Prozess mündet
freilich immer in durchdachten Konzepten, in denen sich Lorenz etwa
mit Fragen des sozialen Miteinanders und des Alleinseins befasst.
Unterschiedlich große, farbige Plastiktüten schichtete
sie zu einer wandfüllenden Installation auf, in der die Säcke
unversehens ein Eigenleben gewannen: knallig und blass, aufgeblasen
und schlaff erinnerten sie an die Wechselfälle des Lebens,
an eine „Stimmungsachterbahn“, die mit viel Witz ins
Bild gesetzt wurde.
Eine erzählerische Komponente hat auch das Video „Operator“,
in dem die Künstlerin über eine Dauer von 16 Minuten aufgeblasene
Müllsäcke umarmt und sie drückt und quetscht, bis
sie platzen oder ihnen pfeifend und keuchend die Luft ausgeht. „Das
halbe Leben ansich“ hat sie diese Serie von Fotoarbeiten und
Videos betitelt, mit denen sie unterschiedlichste Empfindungen beim
Betrachter auslöst. „Ich baue Bilder und fotografiere
sie ab“, bringt Tamara Lorenz ihre Arbeitsweise auf einen
Nenner. Im Dünnwalder Atelier entstand auch die Werkgruppe
„Pragmatische Prinzipien“, für die sie Abfallhölzer
geschichtet und gestapelt und schließlich zu komplexen Konstrukten
aufgerichtet hat. Aus den fragilen, ungenagelten und unverschraubten
Anordnungen, die nach jeder Aufnahme neu arrangiert wurden, gingen
die „Phänotype“ hervor. Diese aus Dachlatten gebauten
„Porträts“ erinnern nicht von ungefähr an
Charaktere, gleiches gilt für die „Tipis“. Die
den Indianerzelten nachempfundenen Architekturen bestehen aus schmalen
Leisten, jeweils eine ist aus andersfarbigem Holz. Was wie ein kindliches
Spiel anmutet, ist in Wahrheit das Ergebnis intensiver und konzentrierter
Arbeit. Stunden und Tage kann es dauern, bis die „Dinge eine
eigene Lebendigkeit bekommen“, wie Tamara Lorenz zugibt. „Wenn
man scheitert, muss man neu anfangen“, sagt die Künstlerin,
die in Dortmund visuelle Kommunikation studiert hat und an der Kunsthochschule
für Medien 2003 das Studium in Medienkunst abgeschlossen hat.
Ein Stipendium des DAAD hat ihr einen einjährigen New York-Aufenthalt
ermöglicht. Das mit 10 000 Euro dotierte Chargesheimer-Stipendium
gebe ihr „viel Freiheit für die Arbeit“, freut
sich Tamara Lorenz, die einen Teil des Geldes in die technische
Ausrüstung investieren wird. Gerade ist ein Sack voll Glitterkonfetti
im Atelier eingetroffen, den sie für eine Video-Arbeit durch
das Bild fegen will. „Glanz und Gloria“ soll die Werkreihe
heißen, an der sie derzeit tüftelt. Arbeiten von Tamara
Lorenz sind noch bis zum 13.1.2007 in der Figge/von Galerien auf
der Aachener Str. 7 zu sehen.
Hanna Styrie, Kölnische Rundschau, 28.12.2006
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