HELDEN DES ALLTAGS
by Deborah Bürgel
Farbige Plastiktüten werden von einem haushaltsüblichen
weißen Ventilator wie Windsäcke aufgepustet. Aus einem
hölzernen Stamm wachsen grüne Tüten. Ein schwarzer
Plastiksack liegt wie eine Leiche auf einem Stapel Industriepaletten.
Graue Mülltüten wurden in zwei Reihen akkurat parallel
aufgestellt. Metallene Lagerregale sind mit verschiedenen aufgepumpten
Tüten ordentlich gefüllt.
Die Protagonisten der Photographien und Videos Das halbe Leben ansich
(2004-2006) sind allesamt gewöhnliche Mülltüten aus
Plastik, zumeist luftgefüllt, in einer erstaunlichen Vielfalt
verschiedener Größen, Formen und Farben. Ihr fremder
Gebrauch befreit sie von ihrer funktionalen Zweckmäßigkeit
und setzt sie in ein neues, ungewohntes Verhältnis zur Realität.
In den merkwürdigen, provisorischen Bildsituationen ohne Argument
bleibt die neue Funktion der Tüten unergründbar, kehrt
sich gleichsam um zu einer ironischen Parodie auf den Zweckdeterminismus.
In dieser Zweckmäßigkeit ohne Zweck offenbaren die Tüten
ihre unerhörte Schönheit.
Gleich, ob sie schlapp an der Wäscheleine hängend photographiert
werden, ordentlich in Regale gestaut oder festgebunden an zwei Klappstühle,
die wie Gesprächspartner oder deren Stellvertreter wirken,
die Tüten sind die Hauptdarsteller im Bild, in dem sie wie
auf einer Bühne erscheinen. Tamara Lorenz läßt die
vermeintlich stillschweigenden Gegenstände beredt werden und
kitzelt mit Witz und Kalkül ihr ungeahntes Eigenleben hervor.
So vollzieht sich eine magische Metamorphose der Dinge in Figuren.
Diese Verwandlung gleicht der des Traums, in dem häufig Gegenstände
zur symbolischen Darstellung von Personen, Körperteilen oder
Verrichtungen dienen, wie der Psychoanalytiker und Traumdeuter Sigmund
Freud schreibt. In der Photoserie fungieren die Tüten als Tropen
des Alltagsrealismus und verkörpern Zustände und Bedingungen
menschlichen Seins. Verspielte, dynamische Arrangements im Gegensatz
zu festen und statischen Installationen stellen die zwei Prinzipien
menschlichen Lebens, Vita activa und Vita contemplativa, gegenüber.
Verschiedene Formen menschlicher Gruppendynamik werden etwa in einem
nachgestellten Sitzkreis, streng parallelen Reihen oder dem von
einer Leiter dominierten Chaos am Boden angesammelter Tüten
verbildlicht. In der Folge der Serie entsteht eine Typologie, in
der die Tüten als Helden des Alltags menschliche Verhaltensmuster
vorführen. Aufgrund der Nüchternheit dieser Zurschaustellung
sowie der völligen Abwesenheit jedes dramatischen Ausdrucks
gewinnen sie einen Abstand zum Dargestellten, das so zur Persiflage
wird.
Mit einem aufmerksamen Blick für die kleinen und abseitigen
Dinge spürt Tamara Lorenz in der Welt des Trivialen zufällige
Situationen auf, kuriose Fundstücke, die sie in zahlreichen
Photos sammelt. Eigenartiges und Einzigartiges, Trauriges und Abstruses,
Gewolltes und Beiläufiges, Kaputtes und Arrangiertes, Gebautes
und Gefundenes steht gleichberechtigt nebeneinander und fügt
sich zu einer skizzenhaften Poesie des Alltags. Die einzelnen Gegenstände
weisen dabei über sich selbst hinaus und sind in einem vielschichtigen
Netz aus Zeichengehalten und Bedeutungen verknüpft. Der französische
Schriftsteller und Philosoph Roland Barthes beschreibt in seinen
Mythen des Alltags die übernatürliche Anmut und Perfektion
des Citroën DS 19, die ihn das Automobil als zeitgenössisches
Äquivalent der gotischen Kathedrale bezeichnen läßt.
Auch die Schönheit der gemeinen Mülltüte, ihre reiche
Farbvielfalt und die plastische Qualität ihrer gefüllten
Form wird selten beachtet und kaum geschätzt, ein trivialerer
Bildgegenstand läßt sich in den Niederungen des alltäglichen
Haushaltes vermutlich kaum finden. Tamara Lorenz inszeniert sie
in ihren Photographien und Videos und greift zugleich ihre Identität
an, indem sie diese zerplatzen oder ihnen langsam die Luft entweichen
läßt. In ihrem Video Operator (2005) aus Das halbe Leben
ansich versucht die Künstlerin aus einem schier unerschöpflichen
Vorrat verschiedener aufgeblasener Tüten eine nach der anderen
mit ihrem Körper zum Platzen zu bringen. Die Luft entschwindet
mit einem gedehnten Pfeifen, lauten Knall oder merkwürdigen
Knistern, manchmal schnell, manchmal erst nach langem Drücken
und Drehen, Wringen und Quetschen. Dabei entstehen merkwürdige
Formen bildhauerischen Arbeitens. Das Ausquetschen und Herausdrücken,
das auf die handelnde Person übertragbar ist, kann insofern
als Auspressen und Entäußern plastischer Formen und als
Bild für den Künstler und das künstlerische Schaffen
gelesen werden.
Die Videos von Tamara Lorenz erinnern in ihrer Darstellung simpler
und ständig wiederholter Tätigkeiten sowie durch die technische
Einfachheit und Ruhe, den Verzicht auf Kamerabewegungen und Schnitte,
an die frühen Videos des US-Amerikaners Bruce Nauman, die in
den späten 1960er Jahren in seinem Atelier entstanden und ihn
selbst bei der Ausführung einfachster Handlungen zeigen. So
sieht man ihn zum Beispiel in Stamping in the Studio (1968) laut
auftretend mit kleinen Schritten durch das Atelier laufen. Das Prinzip
der Wiederholung liegt auch einem Video des Bildhauers Richard Serra
zugrunde. Hand Catching Lead von 1971 zeigt eine Hand, die von oben
herabfallendes Blei fängt, bevor sie es nach kurzem Festhalten
wieder losläßt und das nächste Stück zu greifen
versucht. Der Kraftaufwand und die körperliche Anstrengung,
die zu einer merklichen Ermüdung und Verlangsamung führen,
sind deutlich sichtbar. Auch in Operator bestimmt die Darstellung
der sukzessiven körperlichen Verausgabung gemeinsam mit den
unterschiedlichen Reaktionen der einzelnen Mülltüten die
reduzierte Dramaturgie des 19-minütigen Videos. In der endlosen
Wiederholung einer Handlung ohne erkennbares Ziel oder Zweck wecken
auch andere Videos wie beispielsweise drag and drop oder dropdown
(beide 2005 entstanden) Assoziationen an den Mythos des Sisyphos,
der verurteilt ist, einen Stein den Berg hinaufzuwälzen, von
dessen Gipfel er immer wieder herunterrollt. Der französische
Schriftsteller und Philosoph Albert Camus bestimmt Sisyphos als
Held des Absurden, der glücklich ist, weil er sich der Sinnlosigkeit
seiner Arbeit bewußt ist.
In ihrem bildhauerischen Umgang mit Material, ihrem Spiel mit Form
und Nicht-Form, mit Plastik und Prozessualität steht Tamara
Lorenz im Zusammenhang der Erweiterung des Skulpturbegriffs seit
den 1960er Jahren sowie der Auseinandersetzung mit dem künstlerischen
Bildfindungsprozeß. Diesen thematisiert sie in ihrem Video
Soapopera, 2005, in dem luftgefüllte Tüten etwa 30 Minuten
lang nach und nach in den Bildraum fallen, so dass das Bild sich
zwar langsam, doch stetig verändert und geradezu wächst.
Während die Tüten geräuschlos ins Bild sinken und
ihnen die typische Assoziation des Knisterns und Raschelns genommen
wird, steigert sich die Konzentration auf die Verwandlung des Bildes
fast zu einer meditativen Betrachtung und erinnert die Entwicklung
an einen malerischen Prozeß. Hier scheint die Komplexität
des Verhältnisses zwischen den verschiedenen bildnerischen
Medien in ihren Arbeiten auf. Sie wirken einerseits sehr skulptural
und zeichnen sich, auch aufgrund des konstruktiven Charakters ihrer
strengen, einfachen Komposition, durch eine große plastische
Präsenz aus und sind andererseits Abbilder, photographierte
Momentaufnahmen oder im Videobild festgehaltene kinetische Skulpturen.
Die Photographie setzt die provisorischen Skulpturen ins Bild und
dokumentiert sie, weniger zur Wiedergabe als vielmehr zur Erfindung
einer eigenen Realität. Sie verleiht den partikularen Momenten
durch die photographische Inszenierung eine übergeordnete Bedeutung.
Die Bedingungen ihrer Entstehung verstecken die Photos allerdings
nicht, ganz im Gegenteil bleiben Stützen und Stangen, eine
Mehrfachsteckdose oder auch der graue Atelierboden sichtbar. Photographie
und Video erlauben es auf diese Weise den Dingen unter sich zu bleiben.
Durch die aufgebaute Distanz werden die Bildgegenstände entrückt
und aus ihrer alltäglichen Trivialität herausgelöst,
sie gewinnen Eigenständigkeit und Autonomie. Ihre Momenthaftigkeit
und Kurzzeitigkeit verhehlen die abgebildeten Konstruktionen dabei
genauso wenig wie ihr labiles Gleichgewicht.
Die temporären Skulpturen ähneln unseren instabilen Konstruktionen
von Wirklichkeit. Das zeigt sich ebenfalls in der dreiteiligen Photoserie
Pragmatische Prinzipien aus dem Jahr 2005, einer Art Untersuchungsreihe,
in deren Versuchsanordnungen komplexe Konstruktionen aus verschiedenen
Holzlatten aufs lichtempfindliche Papier gebannt werden, bevor die
der Statik abgetrotzten vergänglichen Schönheiten wieder
in sich zusammenzustürzen drohen.
Wesen erhabener Herkunft führt die 2007 entstandene Reihe Höhere
Mächte mit ihren geometrischen Kompositionen aus schwarzen
rechteckigen Pappen, Stativstangen und tiefschwarz glänzenden
aufgepumpten Plastiktüten vor. Sie gewinnen ungemein starken
individuellen Ausdruck – oder projiziert der Betrachter diesen
in die glatten Plastikoberflächen, in denen nichts als Luft
für die äußere Form sorgt? Die einzelnen Typen sind
ähnlich formalisiert wie in Charakterstudien oder Musterbüchern
für Mimik und Grimassenstudien, die unter Künstlern vergangener
Jahrhunderte weit verbreitet waren. Die schweren schwarzen Konstruktionen
wirken streng und gleichzeitig komisch, zumal in den perfekten und
symmetrischen Figuren bald leichte Unregelmäßigkeiten
zu entdecken, die Konstruktion zu erahnen und die Beschaffenheit
des Atelierbodens, der Wand wie auch des photographierten Materials
zu sehen sind. Diese charmanten Ungenauigkeiten untergraben den
Ehrgeiz der einzelnen Helden der Serie, sich in ihrer ganzen vermeintlichen
Stärke und Schwere mit allem verfügbaren Macho-Gehabe
aufzubauen und lassen ihrer Aufgeblasenheit langsam die Luft entweichen.
In ihrer halbernsten formalen Strenge, die Assoziationen mit hard
edge oder anderen verwandten Richtungen formalgeometrischer Malerei
hervorruft, sind die Höheren Mächte auch ein ironischer
Kommentar auf konstruktive, formalistische Malerei, Skulptur und
Photographie sowie ihre Kraft- und Machtdemonstrationen.
Mit ähnlich ironischer Ernsthaftigkeit leistete auch Sigmar
Polke bereits mehrfach den Befehlen der Höheren Wesen demütig
Folge, gleichzeitig Stereotypen abstrakter Malerei verspottend,
wie in seinem Leinwandbild aus dem Jahr 1969 Höhere Wesen befahlen:
rechte obere Ecke schwarz malen!. Klischeehaft erscheint außerdem
der Typus des Höheren Wesens, dem seine Plastikverkleidung
unverkennbar anzusehen ist, wie er in unterschiedlichsten Gestalten
zahlreiche Science-Fiction-Welten bevölkert, so zum Beispiel
die plastische Plastikfigur des Darth Vader aus der Filmsaga Star
Wars. Die Photoserien widmen sich weder dem Heroischen noch dem
Anti-Heroischen, sondern beschäftigen sich mit dem Dazwischen,
dem Alltäglichen, aus dem sie, gleichsam alchemistisch, das
Metaphysische herauslösen.
Eine kuriose Zusammenkunft zeigt eine Photographie aus der Serie
Das halbe Leben ansich. Auf einem kleinen Tisch steht ein Paar Damenschuhe,
darunter liegt eine blaue, mit Luft prall gefüllte Tüte,
an der Wand über dem Tisch hängt eine glänzende grüne
Lamettakette, links daneben ein Fächer wie ein Pfauenrad. Wie
in dem vielzitierten Bild Lautréamonts, Surrealist avant
la lettre, der Schönheit der unvermuteten Begegnung einer Nähmaschine
und eines Regenschirms auf einem Seziertisch, kommen auch hier Dinge
zusammen, die in keine logische Verbindung zueinander zu bringen
sind, sie vielmehr auf dem Tisch tanzen lassen, während der
ungeliebte Sack darunter bleibt.
Surreale Begegnungen verschiedenster Objekte ereignen sich häufig
im Traum, wenn disparate Fragmente der Traumgedanken zu einer Situation
vereinigt werden. Wie im Traum sind auch die Arbeiten von Tamara
Lorenz voller nicht konkurrierender Widersprüche, traurig und
komisch, absurd und hoffnungsvoll, tragisch und lächerlich,
zufällig und präzise, beiläufig und beharrlich. Sie
sprühen vor Witz und vielschichtigen, verdeckten oder offenen
Anspielungen, wenn beispielsweise eine Akkumulation von Tüten,
die wie ein Bild an der Wand hängt, den Arbeitstitel Satte
Belegschaft trägt und ironisch auf materialgesättigte
gestische Malerei verweist. Tamara Lorenz überführt das
Mediokre in Poesie und eröffnet kleine Momente des Alltagsglücks.
Geringfügige, kaum merkliche Verrückungen der Dinge neben
die Bahnen der gewohnten Ordnung legen die Sollbruchstellen der
Welt offen, nicht boshaft, sondern mit spielerischem Ernst und hintergründigem
Humor. Ihre Bildgeschichten sind Parabeln auf das menschliche Leben
in seiner provisorischen Schönheit. |
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